27. Mai 2025 · von Andreas Lehr
Cloud Exit erfolgreich: Wie wir Everysize beim Ausstieg aus AWS halfen und 80% der Kosten sparten
Eugen Falkenstein hat 2017 mit Everysize einen denkwürdigen Auftritt bei „Höhle der Löwen" hingelegt — Verriss durch die Investoren, dafür ein inoffizieller Traffic-Rekord und ein Rekordgewinn im Anschluss. Heute findet die einzige deutsche Sneaker-Suchmaschine für über 2 Millionen Kunden den passenden Schuh in der Wunschgröße zum Bestpreis. Als Eugen vor einigen Jahren bei uns landete, hatte das siebenköpfige Team genau ein Problem: Die AWS-Rechnung war über zwei Jahre auf das Doppelte gewachsen — ohne dass der Ressourcenbedarf nennenswert gestiegen wäre. Was folgte, war eine der erfolgreichsten Cloud-Migrationen, die wir bei We Manage begleitet haben – 80 % Kostenreduktion bei gleichzeitig gewonnener Flexibilität.
Die Ausgangssituation: Gefangen im AWS-Kostenkarussell
Everysize ist die einzige Suchmaschine im deutschen Web, die Sneaker zu Bestpreisen in der gewünschten Schuhgröße findet. Das siebenköpfige Team hatte wie viele andere auch den vermeintlich einfachen Weg gewählt: "Wir waren vom Start weg bei Amazon AWS, weil's alle so machen", erinnert sich Eugen Falkenstein.
Doch die anfangs pragmatische Entscheidung wurde zunehmend zum Problem. "Immer kompliziertere Preismodelle folgten. Irgendwann zahlten wir bei AWS einen fünfstelligen Betrag pro Jahr und damit doppelt so viel wie zu Anfang – bei fast konstantem Ressourcenbedarf", berichtet Falkenstein. Die monatlichen AWS-Kosten waren auf über 4.000 Euro gestiegen, bei gleichzeitig sinkender Agilität durch komplexe Abhängigkeiten.
Warum Everysize zu uns kam
Als wir Eugen das erste Mal trafen – übrigens über eine private Verbindung, "Unsere Ehefrauen kannten sich" – war schnell klar, dass hier mehr gebraucht wurde als nur ein weiterer Dienstleister. Falkenstein suchte einen echten Partner: "Dazu brauchst du jemanden, der dein Geschäftsmodell wirklich versteht und eigene Ideen einbringt, um das auf einer technischen Infrastruktur umzusetzen, und zwar ohne Vendor-Lock-in."
Seine Anforderungen waren klar definiert: 24/7-Service, technische Kompetenz und die Balance zwischen professionellem Service und partnerschaftlicher Zusammenarbeit auf Augenhöhe. "Ich seh mich nicht nur als Kunde, sondern auch als Partner und Kollege. Ich schmeiße gerne Ideen spontan über den Tisch. Das geht nur mit Mitstreitern, die die Balance aus Service und Augenhöhe halten."
Drei Gründe, warum AWS für Everysize nicht mehr passte
In der ersten Analyse wurde schnell klar: Everysize nutzte nur einen Bruchteil dessen, wofür AWS gemacht ist. Rund 80 % der Rechenkapazität gingen in planbare Backend-Routinen — Produktdaten-Management, Feed-Import, BI-Aufbereitung. "Rechenintensiv, aber alles gut kalkulierbar", wie Falkenstein es ausdrückt. Für diese Art Workload sind die Flexibilitätsvorteile eines Hyperscalers schlicht überdimensioniert. Drei Punkte haben am Ende den Ausschlag gegeben:
1. Die Kostenkurve stand quer zum Geschäftsmodell. Über zwei Jahre verdoppelten sich die AWS-Rechnungen, ohne dass der Ressourcenbedarf nennenswert stieg. Jedes neue Preismodell, jede angepasste Tarifschiene legte ein paar Prozent obendrauf. Für ein Bootstrapping-Team, das jeden Euro selbst erwirtschaftet, ist diese Kurve nicht tragbar.
2. Vendor-Lock-in war im Design nie mitgedacht worden. AWS-spezifische Managed Services wirkten am Anfang wie Beschleuniger, hatten aber den Preis, dass ein Provider-Wechsel mit jedem Jahr teurer wurde. Multi-Cloud-Tauglichkeit war keine Architektur-Anforderung, sondern eine spätere Wunschvorstellung.
3. Aus dem Service-Partner wurde ein Service-Provider. Die bisherige Agentur wuchs, die Abläufe wurden formeller. Aus partnerschaftlicher Beratung wurde Ticket-Abarbeitung — sauber gemacht, aber nicht das, was ein siebenköpfiges Team auf Augenhöhe braucht.
Die Migration: Maßgeschneiderte Lösungen entwickeln
Nach einem erfolgreichen Probeauftrag übernahmen wir schrittweise den Betrieb und die Optimierung der Elasticsearch-Installation von Everysize. Die Migration zur Hetzner-Cloud erstreckte sich über eineinhalb Jahre – bewusst behutsam und ohne Risiko für den laufenden Betrieb.
"Die Migration vom Hyperscaler zum klassischen Hoster verläuft nicht immer eins zu eins", räumt Falkenstein ein. Genau hier konnten wir unsere Expertise einbringen: Wir entwickelten maßgeschneiderte Lösungen für einen leistungsfähigen MySQL-Cluster auf der neuen Infrastruktur und migrierten komplexe Komponenten wie den URL-Shortener für das Social-Media-Marketing.
Dabei war uns wichtig, nicht nur zu migrieren, sondern zu optimieren. Wir automatisierten die allermeisten IT-Prozesse, um 24/7-Verfügbarkeit zu garantieren, und implementierten proaktives Monitoring und Alerting.
Was wir konkret unter der Haube gebaut haben
Ein paar Komponenten brauchten echte Engineering-Arbeit. Die drei spannendsten in Kürze:
Eigener MySQL-Cluster statt AWS RDS. Auf Hetzner-Servern haben wir einen hochverfügbaren Cluster aufgesetzt — gleiche Verfügbarkeit, gleiche Performance, etwa ein Zehntel der Kosten. Der Operations-Aufwand ist nicht verschwunden, sondern verlagert: von der AWS-Konsole auf unseren Bereitschaftsdienst.
URL-Shortener fürs Social-Media-Marketing. Vorher ein teurer SaaS-Dienst mit Tracking-Limits, heute ein schlanker Service auf eigener Infrastruktur — ohne externe Abhängigkeit und ohne monatliche Lizenzkosten.
Elasticsearch als technisches Herzstück. Die eigentliche Sneaker-Suche läuft auf unseren Managed Cloud Servern — konfiguriert über Ansible, Monitoring rund um die Uhr. Teile des Backends sind in Symfony umgesetzt; den Stack bieten wir mittlerweile auch anderen Kunden als Managed Service an.
Der gesamte Aufbau ist heute Multi-Cloud-fähig: Hetzner für den planbaren Hauptbetrieb, Google Cloud für gezielte Workloads. Damit bleibt die Verhandlungsposition gegenüber jedem einzelnen Hoster jederzeit erhalten — die Lektion, die Everysize von AWS in den eigenen Architektur-Standard übersetzt hat.
Die Zusammenarbeit: DevOps neu gedacht
Besonders erfolgreich war die enge Verzahnung mit der Entwicklungsagentur Intradesys, die parallel den kompletten Code der Suchmaschine neu schreibt. "Thomas und ich entwickeln die Prototypen, für die Andy dann die optimale IT-Infrastruktur entwirft und aufbaut", beschreibt Falkenstein die Arbeitsweise.
Diese agile, asynchrone Zusammenarbeit über Slack und E-Mail ermöglichte es, schnell auf neue Anforderungen zu reagieren, ohne sich in langwierigen Abstimmungsprozessen zu verlieren. "Durch Asynchronität bekommen wir mehr Fokus, Ruhe und Überlegung rein", so Falkenstein.
Die Ergebnisse: Mehr als nur Kosteneinsparung
Die Zahlen sprechen für sich: Die jährlichen Serverkosten sanken von 50.000 auf knapp 10.000 Euro – eine Ersparnis von 80%. Doch mindestens genauso wichtig waren die qualitativen Verbesserungen:
Höhere Zuverlässigkeit: "In Notfällen muss ich meine Dienstleister nicht mehr in Aktion versetzen. Heute benachrichtigt mich Andy proaktiv und hat das Problem meist auch schon gelöst, auch nachts oder am Wochenende", berichtet Falkenstein.
Zurückgewonnene Agilität: "Neue Ideen setzen wir heute innerhalb weniger Wochen um. Wir haben unsere Leichtfüßigkeit zurückgewonnen und können unsere Stärken als kleines Digitalunternehmen wieder voll ausspielen im Markt."
Aktuelle Projekte und Zukunftspläne
Die neu gewonnene technische Souveränität nutzt Everysize bereits für ambitionierte Zukunftsprojekte. Wir unterstützen sie dabei bei der Modernisierung ihres Content-Management-Systems und dem Aufbau eines eigenen Marktplatzes für Sneaker. "Womöglich wollen wir im nächsten Schritt unser Geschäft internationalisieren", überlegt Falkenstein.
Alle diese Vorhaben sind nur möglich, weil die IT-Infrastruktur wieder als strategischer Enabler und nicht als Kostenfaktor funktioniert.
Was andere Unternehmen daraus lernen können
Der Fall Everysize zeigt exemplarisch, dass ein Cloud Exit mehr sein kann als reine Kostensenkung. Es geht um die Rückgewinnung technischer Souveränität und unternehmerischer Flexibilität.
"Als Online-Unternehmer drucken wir kein fertiges Buch. Unsere Geschäftsstrategie buchstabieren wir in Technologie aus. Dazu musst du deine IT-Prozesse ständig optimieren und weiterentwickeln", bringt Falkenstein die Philosophie auf den Punkt.
Für uns bei We Manage war dieses Projekt besonders befriedigend, weil es zeigt, was möglich wird, wenn technische Expertise auf echte Partnerschaft trifft. Wie Falkenstein es ausdrückt: Wir sind "der Profi-Sysadmin, den ich inhouse bräuchte, der aber bei mir zu wenig zu tun hätte" – nur eben extern und mit der vollen Flexibilität einer Partnerschaft.
Fazit
Die Zusammenarbeit mit Everysize beweist: Mit der richtigen Analyse, maßgeschneiderten Lösungen und echter Partnerschaft lassen sich auch komplexe Cloud-Abhängigkeiten erfolgreich auflösen. Das Ergebnis sind nicht nur drastisch reduzierte Kosten, sondern vor allem die Rückgewinnung der technischen Flexibilität, die für innovative Unternehmen überlebenswichtig ist.
Konkret kümmern wir uns für Everysize um den gesamten Betrieb — auf Basis unserer Managed Cloud Server, mit CDN-Anbindung über Cloudflare und laufender Cloud-Beratung zu Provider-Wahl, Migration und Architektur. Mehr zum Setup findest du in der Everysize Case Study.
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